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Das Monster zwischen den Zeilen.

Rezension zu Claire Oshetskys »Chouette«

Inhaltswarnungen zum Buch:

Toxische Elternschaft.

»My husband’s childhood was the color of fresh laundry, and the voice of his childhood was the voice of his mother calling him to supper. My childhood was the color of blood, and the voice of my childhood was the voice of wild crepuscular things rejoicing in the dusk. My husband remembers his childhood as perfect, I remember my childhood as less then perfect. No wonder, my husband and I don’t always see eye to eye.« (S. 36)

Es geschieht, was nie sein sollte.

Tiny wollte lange Zeit keine Kinder gebären. Sie wollte sie nicht austragen, sie nicht in die Welt setzen und sich erst recht nicht ihr Leben lang um sie kümmern. Und doch wird sie schwanger. Während ihrer Schwangerschaft spricht sie oft mit ihrem Ehemann, erzählt ihm teilweise unter Tränen von ihren Ängsten und Sorgen. Denn sie spürt, dass das Kind, welches langsam in ihrem Körper heranwächst, kein gewöhnliches ist. Es ist kein reines Menschenkind. Es wird Klauen haben und einen spitzen Schnabel. Ihm werden Flügel wachsen und am Ende, wenn es ausgewachsen ist – und dessen ist sich Tiny sicher – wird ihr eigenes Kind sie umbringen. Ihre Furcht ist real und doch überzeugt ihr Ehemann sie, das Kind nicht abtreiben zu lassen.

Im Kreißsaal merken die Hebammen und Ärzte schnell, dass etwas nicht normal verläuft. Das Kind ist anders als gewöhnlich. Doch es kommt auf die Welt, zu schwach allerdings um bei der Mutter zu bleiben. Ihr Kind wird in einen sicheren Kasten gebracht und ruht dort allein, noch im Schreck der ersten Sekunden im gleißenden Licht des weltlichen Lebens. Doch Tiny hat dieses Kind, dieses Eulenbaby, wie sie es stets nennt, nicht auf die Welt gebracht, um es nun fortzugeben. Sie holt es zu sich zurück und tritt den Weg nachhause an. Entgegen aller medizinischen Ratschläge läuft sie mit ihrem Kind, mit Chouette an den einzigen Ort, an dem sie sich wohlfühlt.

Was folgt ist eine Achterbahn der Gefühle und des Ungeahnten. Ihr Ehemann entfernt sich immer mehr von seiner Frau, hat Angst vor dem gemeinsamen Kind und weiß auch mit sich selbst nicht recht wohin. So kümmert sich die gewordene Mutter um das Kind, das sie nie gebären wollte. Doch nach einiger Zeit bringt sich der Vater wieder selbst ins Spiel und es entsteht ein langer Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem nie klar wird, wer welche Seite einnimmt. Die Mutter, die dafür kämpft, dass ihre Tochter so akzeptiert wird, wie sie ist – trotz der teils schwerwiegenden Attacken, trotz der unmenschlichen Laute, die es von sich gibt. Der Vater, der verzweifelt versucht, seine Tochter zu »normalisieren«, der ihr ein normales Leben ermöglichen möchte und dabei immer wieder an Grenzen stößt, die er schlicht nicht überwinden kann. Ein Kampf der Giganten um das Leben des Kindes, das anders ist als alles, was bisher gesehen wurde. Doch manche Kämpfe sind von vornherein verloren – für alle Beteiligten.

Die Bewertung & das Fazit.

»Chouette« ist der Debütroman der US-amerikanischen Autorin Claire Oshetsky. Es ist ein Werk über Mutterschaft und vielen damit verbundenen Konflikten und würde es die Autorin nicht selbst bestätigen, wäre an keinem Satz zu erkennen, dass es ihr erstes Buch ist. Denn es ist derart mit sprachlichen Figuren, Verstrickungen und Unvorhersehbarkeiten gefüllt, dass man annehmen muss, Oshetsky schreibe bereits seit vielen Jahren. Sie spielt so geschickt mit ihrer Sprache, dass das Buch beinahe ein Gemälde wird.

Inhaltlich ist nach wie vor ein riesiges Fragezeichen stehen geblieben. Würde man fragen, worum es im Detail im Buch geht, wüsste ich keine Antwort. Es liest sich insgesamt sehr offen, als ob es verschiedene Interpretationen geradezu herausfordert. Oshetsky scheint nicht zu wollen, dass ihr Buch klare Antworten auf wichtige Fragen gibt. Selbst darüber, wie beide Elternteile ihr Kind wirklich sehen, gibt es keine eindeutige Antwort. Sieht der Vater ebenfalls die Krallen und die Federn, oder sind es Hirngespinste der Mutter? Was hat es mit dem Ende auf sich? Was soll dieses ganze Buch aussagen? Fragen über Fragen, die bewusst unbeantwortet bleiben und somit den Lesenden dazu zwingen, selbst Antworten zu geben. Eine großartige Spielerei mit Sprache, auf die man sich allerdings voll und ganz einlassen muss. Nur so wird man das volle Ausmaß dieses beachtenswerten und in jeder Beziehung besonderen Werkes erkennen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um unbezahlte Werbung. Diese Ausgabe wurde im Juli 2022 im Virago Verlag veröffentlicht.

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