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Perspektiven verstehen.

Rezension zu Noa Tishbys »Israel« in der Übersetzung von Thomas Görden.

Inhaltswarnungen zum Buch:

Keine.

»Nichts von dem, was ich sage, soll Menschenrechtsverletzungen, schlechte Politik oder die Anwendung von unverhältnismäßiger Gewalt entschuldigen. Aber Tatsache ist, dass Israel nun einmal mit Realitäten zu kämpfen hat, mit denen die anderen westlichen Gesellschaften nicht in dem Maße konfrontiert sind. Es dennoch nach denselben Kriterien zu beurteilen, ohne zu verstehen, dass Israeli zu sein bedeutet, unter ständiger Bedrohung zu leben, ist bestenfalls intellektuell halbherzig.« (S. 350)

Große kleine Länder.

Manchmal bekommt man das Gefühl, dass wenn in Deutschland gerade nicht über Fußball gesprochen wird, das zweitliebste Thema heraus gekramt wird: Der Nahe Osten. Besonders Israel ist dabei ein allseits beliebter Fokus, wobei »beliebt« relativ ist. Denn die Gemüter sind erhitzt wenn es um den kleinen jüdischen Staat am östlichen Mittelmeer geht. Über kaum ein anderes Land auf der Welt wird so viel gesprochen, geschimpft und gelobt. Israel ist der Inbegriff der Pluralität, auch was die Meinungen über den Staat anbelangt. Es gibt viele Mythen und falsche Behauptungen, die auch dadurch nicht wahrer werden, dass sie immer und immer wieder wiederholt werden. Mit einigen dieser Mythen versucht Noa Tishby zu brechen, versucht zu erklären woher sie kommen und weshalb sie falsch sind. Es wird also Zeit, erneut über dieses kleine Land zu sprechen.

Direkt zu Beginn des Buches stellt die Autorin etwas enorm wichtiges fest: Man müsse sich, um die Konflikte einer Region zu kennen und zu verstehen, zunächst die Geschichte eben jener Region anschauen. Das, was heute gemeinhin als »Naher Osten« bezeichnet wird, ist eine Region mit langer, vielseitiger Geschichte. Alle drei großen monotheistischen Religionen fanden ihren Ursprung in diesem Gebiet, lange Zeit war es geprägt von Kriegen, Fremdherrschaft und Kolonialismus, aber auch von Wissenschaft, kultureller Blüte und friedlicher Koexistenz unter verschiedenen Religionen und Völkern. Mit besonderem Blick auf Israel erwähnt Noa Tishby gleichzeitig die Geschichte des Zionismus und die Staatsgründung Israels. Obwohl die Shoah eine große Rolle innerhalb des Landes spielt, lässt sie dieses Thema nur angeschnitten, konzentriert sich auf andere Fragen. Beispielsweise auf jene nach der arabischen Bevölkerung.

Mythen und Legenden.

Die Israelische Bevölkerung besteht zu über zwanzig Prozent aus Araber:innen. Entgegen der allgemeinen Annahme sind diese rechtlich gleichgestellt. Sie sind in der Knesset vertreten, im Obersten Gericht, in vielen der führenden Firmen und auch im alltäglichen Leben spielen sie eine wichtige Rolle. Ohne Zweifel gibt es auch in Israel Rassismus und Diskriminierung. Diesen gilt es zu bekämpfen, wo immer er auftritt. Doch ändert das nichts an der Tatsache, dass beispielsweise Aussagen, nach denen Israel ein rassistischer Apartheidsstaat sei, komplett falsch sind und an der Wirklichkeit im Land vorbei gehen. Wie Noa Tishby es in ihrem Buch passend an vielen Stellen beschreibt, ist Israel ein diverses und pluralistisches Land, das aber nicht frei von Problemen sei.

Sie schreibt aber nicht nur über die arabische Bevölkerung, sondern beispielsweise auch über die jüdischen Siedler:innen, die außerhalb Israels in den sogenannten »besetzten Gebieten« leben und häufig als das größte Problem für den Friedensprozess benannt werden. Die Autorin macht deutlich, woher das Phänomen kommt, welche historischen Wurzeln dahinter stehen und warum sie diese Bewegung gleichzeitig verurteilen kann, aber dennoch in Schutz nimmt. Es ist diese Zwiespältigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die israelische Gesellschaft zu ziehen scheint, die Segen und Fluch für eine offene Gesellschaft darstellt.

Perspektivität statt Neutralität.

Um es direkt zu sagen, dieses Buch ist natürlich nicht neutral, kann es auch nicht sein. Es ist gut, dass Noa Tishby aus einer bestimmten, in diesem Fall einer israelischen Perspektive heraus schreibt, dass sie zu erklären versucht, warum nicht nur sie bestimmte politische Geschehnisse so deutet wie sie es tut, sondern auch weshalb es viele Menschen in Israel so tun – Jüdinnen:Juden ebenso wie Muslim:innen. Sie selbst wuchs in Israel auf, zog dann in die Vereinigten Staaten um eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen. Plötzlich sah sie sich in Gesprächen mit Bekannten immer wieder in einer Position, in der sie Israels Politik erklären musste, Mythen auflösen und Missverständnisse beseitigen wollte. Niemand zwang sie dazu, doch das Gefühl, es tun zu müssen blieb. So wurde aus der eigentlichen Schauspielerin immer mehr eine politische Aktivistin, die gegen Antisemitismus eintrat und letztendlich dieses vorliegende Buch schrieb.

Es ist, wie bereits erwähnt, kein neutrales Buch. Noa Tishby blickt aus der israelischen Perspektive auf einen alten Konflikt und versucht zu erklären, warum die israelische Politik ist, wie sie eben ist. Sie selbst kommt aus einer politisch linken Familie. Sie war lange Zeit aus Prinzip gegen die Siedlungen, gegen das Beenden von Friedensverhandlungen und für eine Zweistaatenlösung. Doch die Geschichte sorgte dafür, dass sich die Stimmungen drehten, dass die politischen Forderungen andere wurden. Sie beschreibt diesen Prozess in ihrem Buch sehr greifbar und nachvollziehbar, ohne dass man ihn gleichzeitig als richtig betrachten muss. Sie zwingt keine Perspektive auf, sondern gibt lediglich ihre wider. Sie erzählt, weil sie erzählen muss, weil es sich für sie danach anfühlt, als ob es darauf ankommt, Perspektiven zu vermitteln. Allein aus diesem Grund ist das Buch schon unfassbar wichtig.

Das Fazit.

Sprachlich ist es schlicht, mit Humor versehen und mit vielen privaten und familiären Geschichten durchzogen. Noa Tishby erzählt die Geschichte ihres Landes aus der Sicht einer jüdischen Israelin. Sie versucht gleichzeitig, immer wieder die Perspektive der arabischen Bevölkerung einzunehmen oder zumindest wiederzugeben, das allerdings gelingt ihr nur bedingt. Eine Perspektive wertfrei zu schildern, die nicht die eigene ist, stellt eine eigene Form der Kunst dar. Trotzdem bleibt das vorliegende Buch eine großartige Quelle, die viel über den Konflikt um Israel erzählt, die aufklärt und Kritik ebenso äußert wie zulässt. Es ist ein spannendes Buch, vor allem wenn man sich noch nicht ausführlich mit dem Konflikt beschäftigt hat. Es bildet einen guten Einstieg in die israelische Sichtweise, nicht zwingend aber in eine allgemeine Perspektive. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann das Werk enorm hilfreich für den eigenen politischen Kompass sein.

Übersetzt wurde das Buch aus dem Amerikanischen von Thomas Görden.

Bei diesem Buch handelt es sich um ein vom Gütersloher Verlagshaus in Kooperation mit dem Bloggerportal zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar.

Das Buch erschien im September 2022 im Gütersloher Verlagshaus.

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