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Unterschiedliche Kämpfe, gleiche Ziele.

Rezension zu Meron Mendels, Saba-Nur Cheemas & Sina Arnolds (Herausgeber:innen) »Frenemies«

Inhaltswarnungen zum Buch:

Rassismus, Antisemitismus.

»Antisemitismus und Rassismus haben gemeinsam, dass man sich zu ihnen nicht neutral verhalten kann. Entweder man stellt sich aktiv gegen sie oder man unterlässt es und reproduziert sie. Aktiv gegen sie stellen kann man sich wiederum nur, wenn man sie versteht.« (S. 37)

Zerstrittene Allianzen.

Linke Kämpfe richten sich gegen viele Ungerechtigkeiten. Sie streben nach einer Welt ohne Rassismus, ohne Sexismus, ohne Armenhass. In linken Gruppen sind häufig Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen mit verschiedenen Perspektiven und Zielen gebündelt. Gerade das, was eine Linke schlagfertig machen sollte, nämlich ihr innerer Pluralismus, ist häufig auch der größte Feind. Wie oft haben sich antifaschistische Gruppen schon über Fragen gespalten, die in den meisten Fällen vor Ort keinerlei Relevanz zu haben scheinen. Einer der häufigsten dieser Streitpunkte ist wohl mit Abstand der Nahostkonflikt. Obwohl es in »Frenemies« genau darum eben nicht gehen soll, wurde es doch bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Buches ein heißes Thema. Aber warum scheinen die Gräben so tief, warum spalten sich Gruppen wegen eines eigentlich fernen Landes, das lediglich eines von vielen Themen darstellt, die eine antifaschistische Position behandeln sollte? Und was hat all das mit Antisemitismus und Rassismus zu tun?

Um es zunächst kurz festzuhalten: Ja, linke Bewegungen haben ein großes Problem mit Antisemitismus. Sie haben aber gleichzeitig, entgegen ihrem eigenen Verständnis, auch Probleme mit Sexismus, mit rassistischen Äußerungen, mit Übergriffigkeiten aller Art und fehlendem Respekt für verschiedene Perspektiven untereinander. Viel zu oft wird starr auf die eigene Position bestanden, ohne die Sichtweise des Gegenübers annehmen zu wollen und damit zumindest den Versuch des Verständnis an den Tag zu legen. Denn geht es im Antifaschismus nicht auch um die Annahme und Akzeptanz verschiedener Perspektiven auf bestimmte Themen? Ist es nicht wichtig, die eigene – vielfach unbetroffene – Perspektive durch jene von zum Beispiel Rassismus Betroffenen zu erweitern? Hierbei geht es nicht um eine komplette und uneingeschränkte Annahme von Sichtweisen und Haltungen, sondern um ein Einbeziehen in das eigene Hinterfragen. Warum also zersplittern diverse Gruppen und Bewegungen dann ausgerechnet an der fehlenden Multiperspektivität?

Die Multiperspektivität.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass in Deutschland – und vor allem unter Linken innerhalb des Landes – andere Diskussionen vorherrschen als in anderen Ländern. In den Vereinigten Staaten oder in England wird der Antisemitismus in Gänze anders thematisiert als hier vor Ort. Wir sind nach wie vor in erster Linie – und das zurecht – geprägt von der Shoah, wohingegen in den Vereinigten Staaten die Erinnerung an den Kolonialismus – ebenfalls zurecht – vorherrschend ist. Auch wenn die deutsche Erinnerungskultur vielfach – zu Unrecht, wie ich finde – gelobt wird, lässt sie doch gleichzeitig Lücken zu, die auch in »Frenemies« thematisiert werden, beispielsweise wenn es die Einbeziehung von Zugewanderten in das Erinnern an die Shoah geht.

Doch in erster Linie fokussiert sich das Werk auf innerlinke Debatten. Der Nahostkonflikt wurde bereits erwähnt und soll an dieser Stelle auch nicht weiter ausgeführt werden. Wichtiger scheint der Blick auf den Antisemitismus in linken Kreisen. Dass dieser alte Hass nach wie vor nicht verschwunden ist, dürfte spätestens seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle ins deutsche Bewusstsein zurückgekehrt sein. Jüdinnen:Juden leben auch heute noch unter ständiger Bedrohung, ihre Gotteshäuser, Gemeindezentren, ja sogar ihre Schulen müssen durch Schutzkräfte bewacht werden. Jüdisches Leben findet heute zu großen Teilen hinter Mauern und Sicherheitszäunen statt und rückt dadurch ein ganzes Stück aus der öffentlichen Wahrnehmung hinaus – auch aus der linken. In vergangenen Jahren wurde vermehrt vonseiten jüdischer Aktivist:innen für mehr Raum gekämpft, für mehr Sichtbarkeit und gleichzeitig mehr Sicherheit. Es sind lange Kämpfe und keinesfalls neue, dennoch sind sie unfassbar wichtig und unterstützenswert. Doch da, wo linke Jüdinnen:Juden ihren Platz in Bündnissen einfordern, treffen sie häufig auf ein Problem, auf ein Thema, das mit dem eigentlichen Anliegen des Bündnisses nicht direkt etwas zu tun hat: dem Antizionismus.

Wenn über Antizionismus gesprochen wird, wird häufig auf eine Unterscheidung zwischen ihm und dem Antisemitismus bestanden, eine Unterscheidung, die – wie das Buch in einigen Beiträgen deutlich macht – häufig nicht vorhanden ist. Viele linke Gruppen tun sich schwer mit dem Antizionismus, lassen israelfeindliche Gruppen wie die BDS-Bewegung als Teil der Bündnisse zu. Diese Gruppe, der vielfach Antisemitismus nachgewiesen wurde, ist für viele Jüdinnen:Juden zurecht ein rotes Tuch. Denn sich an einen Tisch mit Leuten zu setzen, die Antisemitismus kleinreden und auf die Vernichtung des einzigen jüdischen Staates abzielen, kann keine Option sein (weder für Jüdinnen:Juden, noch für Antifaschist:innen). Hier beginnen Bündnisse zu zerbröckeln an Fragen, die eigentlich nichts mit dem Anliegen zu tun zu haben scheinen (Beispielsweise fehlt es bei Fridays for Future an einer klaren Distanz zu Gruppen wie dem BDS, sodass eine Mitarbeit von jüdischer Seite aus teilweise abgelehnt wird).

Schwierige Pluralitäten.

Was soll man nun aber mit all den Gräben und den Kämpfen anfangen? Wie trägt man sie am besten aus, wie beendet man sie vielleicht sogar? Nun, wenn diese Frage zu beantworten wären, wären linke Bewegungen schon ein ganzes Stück weiter. Leider ist das gar nicht so einfach, wie »Frenemies« und dessen Entstehungsgeschichte deutlich macht. In dem Buch werden verschiedene Perspektiven zugelassen, sodass zu einem Thema auch zwei sich widersprechende Positionen eingenommen werden können. Das ist wichtig und richtig. Eine rote Linie, die vorher von verschiedenen Autor:innen der Aufsätze festgelegt wurden, sorgten fast für das Scheitern des Buches. Umso wichtiger ist es, dass es trotzdem erschien und einen Einblick in eine Debatte gibt, gleichzeitig aber auch versucht unparteiisch zu sein. Denn wenn wir ehrlich miteinander sind bleibt doch folgendes festzuhalten: Wir müssen reden. Spaltungen überwindet man nicht, indem man sich über drei Ecken im Internet gegenseitig beleidigt, sondern indem man nach Gemeinsamkeiten sucht. Rote Linien müssen dabei natürlich eingehalten werden und diese sind häufig sehr individuell. Ein Buch wie das vorliegende ist aber ein großer Schritt zu einer ehrlichen linken Streitkultur, die um Kompromisse und Gemeinsamkeiten kämpft. Denn auch wenn der Nahostkonflikt weit entfernt scheint, ist er doch scheinbar seit Jahrzehnten wichtiger Bestandteil linker Debatten. Vielleicht sollte man sich aber häufiger mal selbstkritisch setzen, durchatmen und anerkennen, dass der Konflikt nicht von deutschen Linken beendet werden wird, dass eine Fokussierung auf andere Themen höhere Priorität genießen sollte. Der Kampf gegen Antisemitismus und gegen Rassismus gehen dabei Hand in Hand und der eine wird ohne den anderen nicht gewonnen werden. Getreu dem Motto: Keiner ist frei, bis nicht alle frei sind.

Die Kritik und der Respekt.

Die Bedeutung des Buches ist also offensichtlich. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass ich mit einigen Beiträgen nicht übereinstimme, dass ich sie falsch oder politisch fragwürdig finde. Nichts desto trotz sind sie Bestandteil aktueller Debatten. Das Buch versucht unparteiisch zu sein und kann diesen Anspruch nicht wirklich umsetzen. Aber vielleicht gibt es auch keine Möglichkeit, sich herauszuhalten. Verschiedene Perspektiven zuzulassen ist nicht gleichbedeutend mit Un- oder Überparteilichkeit. Dennoch versucht das Buch diesem Ansatz nahe zu kommen und allein dafür gebührt Respekt.

Am Ende des Buches bleibt vor allem eine Erkenntnis haften: Wir müssen wieder lernen zuzuhören und Perspektiven zuzulassen. Wir müssen den Kampf gegen Antisemitismus genau so ernst nehmen wie jene gegen Rassismus, Sexismus oder Armut. Eine Linke, die nicht auch für sichtbares und sicheres jüdisches Leben kämpft, hat ihren eigenen Anspruch bereits aufgegeben. Dabei ist natürlich zu erwähnen, dass Jüdinnen:Juden keine homogene Einheit sind. Auch hier gibt es verschiedenste rote Linien, verschiedenste Definitionen von Antisemitismus. Es gibt Jüdinnen:Juden, die das Existenzrechts Israels ablehnen, jene, die Israel in jeder Hinsicht verteidigen und jene, die irgendwo dazwischen stehen – was wahrscheinlich die Mehrheit sein wird. Perspektiven zu beachten kann also nie heißen, sie unwidersprochen Anzunehmen, sie aber zumindest anzuhören, ist ein linker Anspruch, an den man sich wieder mehr besinnen sollte.

Das Fazit.

»Frenemies« ist ein Buch gegen Antisemitismus und Rassismus. Es versucht beide Kämpfe zu verbinden und aufzuzeigen, warum es sich lohnt, gemeinsam zu agieren. Das Buch stand bereits im Vorfeld auf verlorenem Posten, nichts desto trotz bleibt es enorm wichtig. Denn Dinge sind kompliziert, werden es auch noch lange Zeit bleiben. Trotz dessen nimmt das Buch Perspektiven ernst, bildet eine gemeinsame Grundlage für kommendes. Selbst wenn man politisch nicht hinter jedem Beitrag stehen kann, der in diesem umstrittenen Sammelband veröffentlicht wurde, bleibt der Respekt vor den Herausgeber:innen. Auf dass wieder mehr miteinander gesprochen wird, auf dass Kämpfe gebündelt werden und linke Bewegungen – frei von Antisemitismus und Rassismus – stärker aus den Diskussionen gehen, als sie in sie hinein gegangen sind. Es werden lange Auseinandersetzungen, doch ein weiterer bedeutender Schritt wurde mit diesem Buch getan.

Bei diesem Buch handelt es sich um ein vom Verbrecher Verlag zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar.

Das Buch erschien im Oktober 2022 im Verbrecher Verlag.

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