Jüdische Realitäten und goj’sche Wünsche.

Rezension zu Judith Coffeys und Vivien Laumanns »Gojnormativität«

Der Begriff der »Gojnormativität« ist ein neuer, eine Zusammensetzung aus den Wörtern »Goj« und »Normativität«. »Goj« ist die jüdische Bezeichnung für Nichtjüdinnen:Nichtjuden. Der Begriff beschreibt den gesamtgesellschaftlichen Kontext, in welchem jüdisches Leben heute stattfindet. Gleichzeitig beschreibt er auch, welche Probleme die derzeitige Situation mit sich bringt: Die Fokussierung der goj’schen Mehrheitsbevölkerung auf »ihre Juden«, der Blick auf Jüdinnen:Juden als politisches Mittel zur eigenen internationalen Erhöhen. »Seht uns an, hier leben Juden in Deutschland! Und das trotz der Shoah! Ist das nicht der Beweis, dass wir bessere Menschen geworden sind?« Niemand, keine Politikerin, kein Politiker der Bundesrepublik würde es so oder auch nur so ähnlich formulieren, dennoch schwingt genau dieses Narrativ in vielen Stellungnahmen, in vielen politischen Aktionen mit. Jüdinnen:Juden als »Prestigeobjekt« deutscher Politik.

Gerade in dieser Kritik wird deutlich, weshalb jüdische Perspektiven von unschätzbaren Wert sind. In der antirassistischen Arbeit ist es inzwischen common sense, dass die Perspektive der von Rassismus Betroffenen einen enormen Stellenwert in der Auseinandersetzung erhält. Doch im Kontext des Antisemitismus werden die Betroffenen Jüdinnen:Juden häufig nicht angehört. Was Rassismus ist, wird ohne Zweifel von den Betroffenen festgelegt, beim Antisemitismus sieht dies des Öfteren anders aus. Dabei müsste und sollte auf die Expertise jener gehört werden, die im »Auge des Sturmes« stehen, die Jüdinnen:Juden, die sich zwangsläufig mit Antisemitismus auseinandersetzen müssen, häufig bereits ihr Leben lang!

Eine Kategorisierung ist bei einer solchen Auseinandersetzung selbsterklärend unablässig. In den vergangenen Jahren werden, innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinden, vermehrt Diskussionen um das »Jüdischsein« von Jüdinnen:Juden geführt. Es wird darüber gestritten, wer die Hoheit über den Begriff des »Jüdischen« wie ein Zepter in den Händen hält. Neben der Frage, wer »deutsch« ist, stellt sich also ebenfalls die Frage, wer »jüdisch« ist und vor allem, was mit jenen ist, die beides sind? Gleich verhält es sich mit der Kategorisierung von »jüdisch« versus »weiß«. Viele Jüdinnen:Juden sind »weiß«, aber eben nicht alle. Und selbst jene die es sind, können trotzdem eine »Opferperspektive« haben, die ihnen häufig in linken Kreisen nicht zugestanden wird. Was also fehlt, ist ein Gegenbegriff zum »jüdischen«, der all jene zusammenfasst, die es nicht sind. Hier kommt der Begriff des »Goj« ins Spiel, die hebräische und jiddische Bezeichnung für Nichtjüdinnen:Nichtjuden.

Wir als Gesellschaft, vor allem wir »Gojim«, beeinflussen die jüdischen Gemeinden, das jüdische Leben in einem viel zu großen Umfang. Wir schneiden Gedenkveranstaltungen auf unsere Bedürfnisse zu, organisieren sie ohne auch nur auf die Idee zu kommen, Jüdinnen:Juden einzuladen – ähnlich verhält es sich auch bei Demonstrationen und anderen Veranstaltungen gegen Antisemitismus. Viel zu häufig werden auch hier jüdische Stimmen, jüdische Perspektiven übergangen. Auch von Seiten der politischen Amtsträger:innen kommen häufig eher gemischte Botschaften. Frei nach dem Motto, »gut gemeint ist schlecht gemacht«, inszenierten sich Politikerinnen und Politiker der CDU als Jüdinnen:Juden, mit Kippa auf dem Kopf und Tallit um den Schultern oder beim Anzünden der Schabbat-Kerzen, Besuche in Synagogen werden als reine PR-Show genutzt. Was fehlt, ist eine ehrliche und aufrichtige Auseinandersetzung mit jüdischem Leben, jüdischen Bräuchen und der jüdischen Realität im Hier und Jetzt. Es ist niemandem damit geholfen, dass wir Gojim als Jüdinnen:Juden verkleiden und somit zeigen wollen, dass »es hier zum Glück noch jüdisches Leben gibt«. Denn für dieses jüdische Leben wird in der verbleibenden Zeit, wenn die Kameras schwarz und die Mikrophone stumm geschaltet sind, herzlich wenig getan.

Das Ignorieren jüdischer Perspektiven habe ich bereits erwähnt. Auch in dieser Rezension sitzt ein Goj vor seinem Laptop und versucht zusammenzufassen, warum es weniger Gojs braucht, die das, was Jüdinnen:Juden in hochintelligenter Art und Weise bereits niederschrieben haben, lauter wiederholen. Leider erhält heute eine nicht betroffene Person bisweilen mehr Aufmerksamkeit in Thematiken, als Betroffene – vor allem in linken Kreisen darf so etwas nicht sein.

Aus diesem Grund ist dies mehr als eine Rezension: Es ist ein Aufruf, den Betroffenen zuzuhören wenn sie etwas erzählen, ihre Wörter und ihre Texte zu lesen, denen, die ihre Stimme und ihre Berichte teilen wollen einen Raum zu bieten und sich nicht permanent als nicht betroffene Person in den Fokus drängen zu wollen. Ja, dies wurde oft gesagt, wurde oft geschrieben, diese Forderung ist nicht neu. Und dass sie nach wie vor von einer nicht betroffenen Person formuliert wird, zeigt die Ironie der Sache wohl besser auf als alles andere. Lest dieses Buch. Hinterfragt eure individuellen Positionen, hinterfragt eure Haltungen. Lest Coffey und Laumann.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Rezension eines Rezensionsexemplars, zur Verfügung gestellt vom Verbrecher Verlag.

Das Buch erschien im Oktober 2021, herausgegeben vom Verbrecher Verlag.